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20.01.2011 - FREIES WORT - Lokalausgabe Hildburghausen Übersicht | Drucken

Ein Abend, zwei Begegnungen

Der ehemalige Künstlerhof-Stipendiat Marc Lippuner inszenierte erstmals wieder in Schleusingen - ein Wiedersehen mit vielen Bekannten.

Von Jürgen Lautensack


Schleusingen - "Was lass ich mit mir machen?", fragt sich Irene Binz, die Frau aus dem Kofferraum. Als sie sich die Frage stellt, ist sie längst im Westen, Anfang der 1960er Jahre, kurz nach dem Mauerbau. Sie ist auf der Suche nach einem Leben, wie es viele andere doch auch führen, auf der Suche nach dem Vater ihres Sohnes, mit dem sie zusammenleben will. "Ich wollte diesen Mann für mich, und ich wollte diesen Vater für dich", schreibt sie ihrem Sohn in ihren Erinnerungen, und doch bleibt jener Mann, dem sie ganz gegen ihre Überzeugung in den Westen folgt, zeitlebens nur der Erzeuger ihres Kindes. Die Vaterrolle wird er nie einnehmen, so sehr sie sich das auch wünscht.

Dem Stück, das Marc Lippuner inszenierte und am Samstag im Roten Ochsen aufführte, liegt eine wahre Begebenheit zugrunde. Das Monologdrama, in dem der Sohn in die Rolle seiner Mutter schlüpft und so ihr Leben wiedergibt, basiert auf den Aufzeichnungen von Ronald M. Schernikau über das, was seine Mutter ihm erzählte. Es ist die Geschichte einer Frau zwischen Liebe und Verletzung, hin- und hergerissen vom Pflichtgefühl gegenüber einem Land und dem eigenen Kind. Sie wollte nicht weg aus dem Land, wo sie sich wohl fühlte, aber sie wollte auch zu dem Mann, den sie liebte und der der Vater ihres Sohnes war. Und trotz allem wagt sie den Schritt, findet einen Weg in den Westen, und wird dort von allen und allem enttäuscht. - "Alles nur für dich, mein Kind."

Knapp 70 Minuten Monolog, in denen Michael F. Stoerzer als Sohn der Irene Binz ihr Leben erzählt, ihren Traum von einem schönen, leichteren Leben, von Familie und ein bisschen Glück. Er lässt die Gäste im Roten Ochsen teilhaben an der Verzweiflung und der Suche nach dem richtigen Weg, den sie am Ende jedoch nie gefunden hat. Und obwohl das Stück schon längst aus ist, sitzen die Besucher nach ihrem langen Schlussapplaus noch, schauen still nach vorn, reden leise, beinahe so als überlegten sie, wie sie selbst in dieser oder jener Situation gehandelt hätten. "Ein schönes Stück, dass auch ich als Wendekind verstanden habe. Sehr emotional und toll gespielt, und ich habe großen Respekt vor dem Schauspieler für diese Leistung", sagte Carolin Hoffmann, Jahrgang 1990, nach der Vorstellung.

Berliner in Schleusingen

Aber letztlich sind es genau genommen zwei ganz unterschiedliche Begegnungen, die die Besucher des Künstlerhofs am Samstagabend erleben. Die eine im Theaterstück mit der Frau aus dem Kofferraum, die andere eine ganz persönliche mit dem Regisseur Marc Lippuner. Der Berliner ist in Schleusingen ja kein Unbekannter, hat sich während seines Aufenthaltes hier im Jahr 2009 wie kein anderer Stipendiat vor und nach ihm in das Leben in der Stadt integriert. Auch deshalb waren viele gespannt auf das, was er jetzt als Regisseur so macht und freuten sich auf das Wiedersehen an sich.

"Es ist toll mal wieder hier zu sein", meinte er vor der Aufführung. "Ich war natürlich gleich im Malanders, habe viele bekannte Gesichter auf der Straße getroffen und freue mich, dass heute Abend etliche Menschen da sind, die ich von der Zeit hier noch kenne." Lange hat es gedauert, bis es endlich ein Stück und einen Termin gab, mit einer seiner Inszenierungen wieder einmal an seine alte Wirkungsstätte zurückzukehren. "Geplant war das ja schon lange mal, aber ich glaube dieses Stück passt auch sehr gut zu meinem Projekt Schleusingen20nullneun", so Marc Lippuner, der damit an seine Arbeit von damals anknüpft. Denn er, der in Greifswald geboren wurde und danach selbst im geteilten Berlin aufgewachsen ist, beschäftigt sich schon viele Jahre mit der Thematik deutsch-deutscher Geschichte. Und bei Schernikau, dessen Lebensgeschichte die Grundlage für das Stück "Irene Binz" bietet, hat Lippuner nicht zum ersten Mal Stoff für seine Arbeit gefunden.

Für den Regisseur und einige Gäste des Roten Ochsen war es daher eben nicht nur ein Theaterabend wie jeder andere. Sondern es war auch die Begegnung mit einem guten Bekannten und Freund, weswegen der Abend nach der Aufführung aber noch lange nicht endete. "Die Reaktionen waren durchweg positiv, und auch nach dem Stück wurde noch weiter diskutiert", so Lippuner, der sein Gastspiel sehr genoss. "Es hat großen Spaß gemacht, auch dass ich mit einem Stück wiedergekommen bin und zeigen konnte, was ich derzeit mache."


aktualisiert von Thomas G. Marzian, 17.10.2011, 20:19 Uhr
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