| Leo Malet |
Leo Malet: Die Brücke im Nebel (SWF 1989)
Burma: Mein Wagen war in der Inspektion, also nahm ich die Metro ins 13. Arrondissement, hätte mir auch ein Taxi leisten können, aber bis Weihnachten waren es noch eineinhalb Monate, außerdem nieselte es hundsgemein und dann lösen sich in Paris die Taxis bekanntlich in Luft auf, laufen einfach ein, sobald sie vom ersten Tropfen naß werden, ich nahm also die Metro, setzte mich ins 1. Klasseabteil der Linie Eglise de Pantin - Place d'Italie und las noch mal diesen mysteriösen, nach billigem Parfüm riechenden Brief.
Benoit: Lieber Genosse, ich wende mich an dich auch wenn du flic geworden bist, aber du bist anders als die anderen flics und außerdem kenne ich dich von klein auf, ein Scheißkerl hat ne Schweinerei vor, komm zu mir ins Hopital de la Salpetriere, dann erklär ich dir, wie du ein paar Freunden helfen kannst, in brüderlicher Verbundenheit, Abel Benoit.
Burma: Keine Ahnung wer Abel Benoit war, keine Erinnerung an das Parfüm, wahrscheinlich wollte mich einer im November in den April schicken, plötzlich hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden, hinter der Trennscheibe zur 2. Klasse stand ein Mädchen, sie sah aus, als pflücke sie 1000km weiter weg Vergißmeinicht, als unsere Blicke sich trafen sah sie mir direkt in die Augen und blinzelte mir kaum merklich zu, ein aufregendes Mädchen, Anfang 20, tolle Figur, blauschwarz-schimmernde Haare, eine Zigeunerin wohl, an der Station Gare d'Austerlitz stieg ich aus, sie auch.
Belita: Sie sind Nestor Burma, stimmts.
Burma: Ja, und sie.
Belita: Gehen sie nicht hin, es ist umsonst.
Burma: Wohin soll ich nicht gehen.
Belita: Da wo sie hingehen, zu Abel Benoit, es hat keinen Zweck mehr.
Burma: Mit einer energischen Kopfbewegung warf sie ihre schwarze Haarpracht zurück, die Ohrringe klirrten gegeneinander, da stieg mir eine Wolke des billigen Parfüms in die Nase.
Belita: Er ist tot.
Burma: Dann war es doch kein Aprilscherz.
Belita: Wie meinen sie das.
Burma: Nur so, weiter.
Belita: Das ist alles.
Burma: Entweder haben sie schon zu viel gesagt oder nicht genug, wann ist er gestorben.
Belita: Heute morgen, er wollte sie sehen aber dazu ist es ja jetzt zu spät, vielleicht habe ich seinen Brief zuspät zur Post gebracht.
Burma: Ich hab doch so was gerochen, waren sie mit ihm verwandt.
Belita: Er war ein alter Freund von mir, so was wie ein Adoptivvater.
Burma: Was wollte er von mir.
Belita: Weiß ich nicht.
Burma: Aber er hat ihnen von mir erzählt.
Belita: Ja.
Burma: Was.
Belita: Sie wären ein Flic, Privatflic aber anders als die anderen, ganz in Ordnung, ich könnte ihnen vertrauen.
Burma: Und, vertrauen sie mir.
Belita: Weiß ich nicht.
Burma: Viel wissen sie wirklich nicht.
Belita: Nur daß er tot ist.
Burma: Ja jedenfalls behaupten sie das.
Belita: Glauben sie mir nicht.
Burma: Hören sie meine liebe, haben sie auch einen Namen.
Belita: Belita, Belita Morales.
Burma: Also meine liebe Belita, ich glaube im Allgemeinen nur das was ich sehe, sie erzählen mir er sei nicht mehr und ich geh wieder nach hause, leider gehe ich nie so schnell nach hause, ich bin hartnäckig.
Belita: Ich weiß.
Burma: Ach endlich wissen sie mal was.
Belita: Ja das hat er mir nämlich auch erzählt.
Burma: Ich gehe in die Salpetriere und sie kommen mit.
Belita: Nein.
Burma: Und wenn ich sie mir unter den Arm klemme.
Belita: Das würde ich ihnen nicht raten.
Burma: Na schon gut, gehe ich eben allein, werde sie schon wiederfinden.
Belita: Das wird nicht schwer sein, ich warte auf sie.
Fabre: Sieh mal einer an, Genosse Burma, herzlich willkommen Genosse Burma.
Burma: Zum Glück bin ich kein flic, sonst würde ich sie bei ihrem Vorgesetzten verpfeifen, was soll denn dieses Vokabular, sind sie bei den Kommunisten.
Fabre: Diese Frage wollte ich ihnen stellen.
Burma: Dieser Staatsbürger in ziviler Uniform war niemand anders als Inspektor Fabre, einer der Leute meines Freundes Florimond Faroux, Chef der Kripozentrale.
Burma: Ich bin kein Kommunist.
Fabre: Aber sie waren Anarchist, vielleicht sind sies immer noch, für mich ist das alles eins.
Burma: Schon lange her seit ich die letzte Bombe geworfen habe.
Fabre: Verdammte Anarchisten.
Burma: Jetzt reichts aber Mr McCarthy, schon mal was von G. Clemenceau gehört.
Fabre: Der Tiger.
Burma: Genau dem, dem ersten Flic der Nation, wie er sich selbst getauft hat, wer mit 16 kein Anarchist war, ist ein Dummkopf.
Fabre: Das hat er gesagt der Tiger.
Burma: Jawohl mein lieber.
Fabre: Aber sollte er nicht hinzugefügt haben, aber auch der ist einer der mit 40 immer noch einer ist oder so ähnlich.
Burma: Stimmt, so was ähnliches soll er auch gesagt haben.
Fabre: Hören wir auf mit dem Quatsch, sie wollten zu Abel Benoit.
Burma: Und sie haben direkt auf mich gewartet.
Fabre: Genau, an sich ist der Fall klar, ein Überfall bei dem das Opfer dran glauben mußte aber daß sie das Opfer kannten fanden wir ganz lustig Kommissar Faroux und ich.
Burma: Es wird sogar noch lustiger, ich kannte diesen Abel Benoit überhaupt nicht.
Fabre: Warum haben sie dann nach ihm gefragt.
Burma: Kommen sie schauen wir uns die Leiche an.
Fabre: Na Monsieur Burma.
Burma: Falls ich ihn kannte, hatte er bestimmt weniger Haare auf der Oberlippe, dafür mehr auf dem Schädel, vielleicht hat er auch gelacht.
Fabre: Ja soll vorkommen, im Augenblick sieht er ziemlich wütend aus.
Burma: Vielleicht ist ihm zu kalt, sagen sie, hatte dieser Abel Benoit noch andere Namen.
Fabre: Lenantais.
Burma: Lenantais, der aus Nord.
Fabre: Kein Spitzname, Lenantais ein Wort, Abel.
Burma: Großer Gott, Albert Lenantais, natürlich kannte ich ihn.
Fabre: Wann und wo.
Burma: Vor 30 Jahren in der Rue Tolbiac, Heim für Vegetalier.
Fabre: Falsch.
Burma: Wieso falsch.
Fabre: Vegetarier.
Burma: Was lernt ihr eigentlich auf der Polizeischule, Vegetalier, Vegetarier essen kein Fleisch, dafür aber Eier und Milchprodukte, Vegetalier dagegen essen ausschließlich pflanzliche Kost, einer behauptete sogar man müsse Gras fressen direkt von der Wiese, auf allen vieren.
Fabre: Und Lenantais, war das auch so ein Bekloppter.
Burma: Ein bißchen.
Burma: Ich erinnerte mich an eine Szene im Vegetalierheim, es war kurz vor Weihnachten, der Genosse Garum kam in den Schlafsaal, schnüffelte, sah einen anderen Genossen seine Pfeife rauchen, ging auf ihn zu, nahm ihm die Pfeife aus dem Mund und schmiß sie gegen die Wand, daß sie zerbrach.
Benoit: Genosse Garum, das war ein autoritärer Akt, eines Anarchisten unwürdig, willst du uns vielleicht eines Tages auch noch zwingen, auf allen vieren Gras zu fressen, du kannst tun und lassen was du willst, kannst erzählen wie schädlich Tabak ist, aber du mußt die Sklaven solcher Bedürfnisse durch Argumente überzeugen nicht durch autoritäres Verhalten.
Ich nenn das verrückt aber das wundert mich nicht sie kennen sowieso nur verrückte.
Faroux: Nanana ganz so hart wollen wir das nicht ausdrücken.
Burma: Sieh an, Kommissar Faroux bemüht sich persönlich.
Faroux: Wann haben sie Lenantais zum letzten Mal gesehen.
Burma: Vor 30 Jahren, reicht das, und jetzt erzählen sie mir was hier gespielt wird.
Faroux: Gehen wir in ein Bistro.
Burma: Okay, ich brauch sowieso einen Schluck.
Faroux: Ein seltsame art das andenken in ehren halten wo er doch nur Wasser trank.
Burma: Er war tolerant.
Faroux: Was trinken sie.
Burma: Whisky, wenn sie mir schon einen ausgeben, dann wollen sie mir bestimmt sagen, was sie schon alles wissen, also raus damit, zB wo wohnte er.
Faroux: Passage des Hautes-Formes, gleich um die Ecke von der rue de tolbiac in einem Schuppen.
Burma: Und was machte er so.
Faroux: Er handelte mit Lumpen und kümmerte sich um eine schöne Zigeunerin, die im Nebenhaus wohnt, im übrigen hat er eine Menge Zeitungsauschnitte gesammelt.
Burma: Das ist nichts besonderes, machen viele.
Faroux: Aber nur Berichte über Kriminalfälle, in die ein gewisser Nestor Burma verwickelt war, meistens geschrieben von einem Journalisten mit eindeutigem Ruf.
Burma: Damit konnte nur mein trinkfreudiger Journalistenfreund gemeint sein, dessen Geschmacksnerven waren zwar vom Saufen lädiert aber sein Zinken roch die heißen Fälle schon vom weitem.
Burma: Kommissar sie entschuldigen mich einen Augenblick.
Frau: Redaktion Le Crepuscule.
Burma: Nestor Burma, geben sie mir Marc Covet.
Frau: Ich verbinde.
Covet: Hallo.
Burma: Burma, wieder mal mit ner kleinen Bitte, sieh doch bitte mal nach, was in den letzten Tagen über das 13. Arrondissement zusammengeschmiert worden ist, zwischen den Dreizeilern da muß irgendwas über einen Lumpensammler namens Abel Benoit stehen, richtiger Name Lenantais, recherchier mal ein bißchen und fabrizier einen Artikel über 30 Zeilen und paß auf daß er auch gedruckt wird.
Covet: Ist das der anfang von was.
Burma: Schon das ende, er ist tot, hab ihn gekannt, vor ner Ewigkeit.
Covet: Und jetzt sorgst du posthum für Publizität.
Burma: Ach, der hat bestimmt keinen Wert drauf gelegt, in der Zeitung zu stehen, ein ganz bescheidener.
Covet: Also mißachtest du seinen Willen.
Burma: Kann schon sein.
Burma: Ich schickte die Schnipsel von Lenantais Brief mit der Wasserspülung auf große Fahrt, genehmigte mir noch ein Glas an der Theke und machte mich auf zur Passage des Hautes-Formes, um dieser süßen Belita einen besuch abzustatten, hier sah es noch aus wie unter dem ancient regime, links und rechts nichts als Baracken, höchstens mal 1 Etage drauf.
Burma: He, he, wo finde ich den Schuppen von Abel Benoit.
Mann: Am ende vom hof links.
Burma: Und dahinter schimmerte Licht durch die Haustür, sie war nicht abgeschlossen, und schon war ich drin im Hausflur, und mitten in einem Mordsgestank von verwesenden Chrysanthemen, eine Stiege führte ins obere Stockwerk, wer quält hier kleine Mädchen um die zeit, ein furchtbares Weib drehte sich um, der Kopf saß direkt auf einer mottenzerfressenen Pelzjacke, eine Peitsche in der Hand.
Burma: Hallo Belita.
Frau: Belita, Belita, der fickt dich also, mit irgendeinem mußt du ja ficken, du Hure.
Burma: Ich schlafe immer allein.
Frau: Und du, du Hurenbock.
Burma: Halt eine Schnauze, oder was das große schwarze Loch da ist, pack deine Titten ein und dann verpiß dich, so das wärs.
Belita: Danke.
Burma: Schon gut, übrigens sie haben nicht auf mich gewartet heute nachmittag.
Belita: Ich hab die flics gesehen.
Burma: Dachte ich mir, aber erstmal müssen wir das behandeln.
Burma: Ich zeigte auf ihre Brust und sah mir die Striemen näher an, die die Alte ihr mit der Peitsche beigebracht hatte, eindrucksvoll, sieht nicht gut aus.
Belita: Ich kümmer mich drum.
Burma: Na legen sie sich hin.
Burma: Ich nahm das erstbeste Handtuch und machte ihr eine Kompresse, es war nicht so schlimm wie ich ursprünglich angenommen hatte, ich stopfte meine Pfeife, mir war kotzelend, dazu der Gestank von unten, kurzentschlossen ging ich runter, schnappte mir die Kiste mit Chrysanthemen und warf alles auf den Hof, das wärs, sagte ich schon zum zweiten mal, erzählen sie mal von vorn und keine Märchen, hm.
Belita: Also gut, das ist seine Brieftasche, Abel hat ausgesagt, er sei von Arabern überfallen worden, aber das ist nicht wahr, ich sollte die Brieftasche verstecken, damit es so aussah, als hätte man ihn ausgeraubt.
Burma: Was ähliches hab ich schon die ganze zeit gedacht, ist noch alles drin.
Belita: Wofür halten sie mich.
Burma: Es waren 30000 franc drin aber sonst nichts, was mich weiterbrachte, Belita wollte das Geld nicht, und da steckte ich es erstmal ein, wer war die alte Hexe.
Belita: Dolores, vorhin bevor sie kamen hat sie mir erzählt, daß Abel ein Abkommen mit ihr hatte.
Burma: Abel hatte ein Abkommen mit ihr.
Belita: Er hat mich gekauft.
Burma: Gekauft.
Belita: Ja.
Burma: Und warum kauft ein Lumpensammler eine junge Zigeunerin.
Belita: Mit der Sippe kam ich vor 4 Jahren nach Lübri, dort lernten wir Abel kennen, Dolores haßte mich, er riet mir wegzugehen, aber ich konnte nicht, als es noch schlimmer wurde, ging ich zu ihm, er brachte mir lesen und schreiben bei, sorgte für mich.
Burma: Und wieso gekauft.
Belita: Er zahlte damit sie mich in ruhe ließen.
Burma: Ach jeden Tag verlier ich eine Illusion, ich dachte die Zigeuner hätten mehr Charakter.
Belita: Nur eines hätten sie niemals geduldet.
Burma: Was.
Belita: Wenn er mit mir geschlafen hätte.
Burma: Und.
Belita: Er hat mich nie angerührt, und das wußten sie, manche Dinge spüren wir instinktiv.
Burma: Wir.
Belita: In gewisser Hinsicht gehör ich noch zu ihnen.
Burma: Ja, das hat sich die liebe Dolores heute auch gesagt, sie wollte sie zurückholen, stimmts, also nochmal zu Abel, er kam schwerverletzt hier an und dann.
Belita: Erst sträubte er sich gegen das Krankenhaus, meinetwegen hat er nachgegeben, dann in die Salpetriere hat er gesagt, du lieferst mich einfach dort ab, ohne Erklärung, mein Privatleben geht niemand was an.
Burma: Er hat ihnen die Salpetriere genannt, warum.
Belita: Er kannte dort einen Arzt, glaub ich, werden sie ihn rächen, den Scheißkerl der ihn umgebracht hat.
Burma: Was ich vergessen habe wo ist er überfallen worden hat er ihnen das erzählt.
Belita: Er hat was von der rue watt gesagt, die Straße die unter der Bahn durchführt von der rue cantagrel zum quai de la gare.
Burma: Watt, ein vielversprechender Name um licht ins dunkel zu bringen, hoffentlich blieb es nicht bei versprechen, in den folgenden Stunden versuchte ich so viel wie möglich aus ihr rauszuholen, Lenantais Gewohnheiten, Freunde, Geschäftsfreunde, nichts brauchbares, aber Lenantais Geschichte war auch meine, zum teil jedenfalls und ich erzählte Belita von einem zornigen jungen Mann, Nestor Burma mit Namen, der hier in der Gegend rumgelatscht war, scheiß viertel ist das hier Belita, miese gegend, hier bin ich kaputtgemacht worden, hat sich zwar ziemlich viel verändert seit meiner Zeit, aber da ist immer noch das selbe Klima, hau ab, Belita, hau ab, verscheuer deine Blumen wo du willst, aber verschwinde aus dieser Gegend, es stinkt hier nach Elend, nach Unglück.
Belita: Jetzt hast du mich gedutzt.
Burma: Schlimm, bei Anarchisten duzt man sich schnell.
Belita: Ich finds gut, erzähl mir mehr aus dem Vegetalierheim, warum haßt du diese Zeit.
Burma: Weil nicht alle waren wie Lenantais, die meisten waren große Ärsche, Lacorre, der fing immer Streit mit mir an, ich verkaufte damals Zeitungen, um mir ein bißchen fressen zu kaufen.
Lacorre: Und ich sag friß doch wenn du so großen Hunger hast, verdammt, nennt sich Anarchist und verkauft bürgerliche Zeitungen, der Anarchist mit der Eisbombe.
Benoit: Jetzt reichts aber Lacorre, was soll er denn machen, bist du vielleicht ein besserer Anarchist.
Lacorre: Allerdings.
Benoit: Möchte wissen ob du überhaupt weißt, was das ist, bei uns kann jeder kommen und gehen, wie er will, wir fragen nicht danach was er ist.
Lacorre: Hätte noch gefehlt.
Benoit: Trotzdem ein Anarchist ist was anderes.
Lacorre: Jedenfalls verhält sich ein Anarchist nicht so passiv, er resigniert nicht, wie das Bürschen da, er läßt sich nicht dazu herab diesen bürgerlichen Schund zu verkaufen, er wehrt sich, schlägt sich durch, klaut.
Benoit: Leeres geschwätz, jeder kann sein leben leben wie er es für richtig hält solange er die Freiheit des anderen nicht einschränkt, der da verkauft sein Käseblättchen, du simulierst Arbeitsunfälle, unterstehst vor der Kontrolluntersuchung bei der Sozialversicherung, solange du noch kein Geldboten überfallen hast, mußt du die Schnauze halten.
Lacorre: Und du, hast du vielleicht einen Geldboten überfallen.
Benoit: Ich hab mir 2 Jahre Bau einfangen für Falschmünzerei, bin ich stolz drauf, aber das ist meiner Meinung nach was anderes als vorgetäuschte Unfälle.
Lacorre: Dabei wirds nicht bleiben, eines Tages passiert was, dann werden wir sehen, wozu ich eigentlich fähig bin, ich kann auch Geldboten zusammenschlagen.
Belita: Warum sollte Lacorre einen Geldboten überfallen.
Burma: Wir diskutieren damals die sog. illegale Aktion, die Frage war, sollten wir dem Kapital durch individuelle Aneignung oder gewalttätige Enteignung wie das damals hieß einen Schlag versetzen.
Belita: Wie alt warst du da.
Burma: 17.
Belita: Warum wurde von dir nicht dasselbe verlangt wie von Lacorre.
Burma: Ich hatte zwar nichts zu beißen, schlief im Vegetalierheim, aber als kühner Spieler des Lebens wie die Aktionisten genannt wurden war ich nicht vorgesehen.
Belita: Abel mochte dich wohl besonders.
Burma: Sind offenbar beide Abels Lieblinge gewesen.
Belita: Und jetzt beschützt du mich vor Dolores, das ist doch kein Zufall.
Burma: Ich sollte gehen.
Belita: Bleib, komm zu mir, halt mich ganz fest.
Burma: Der Nebel hatte sich verzogen, eine gelbe Sonne kitzelte die kahlen Akazien in der rue de tolbiac, Passanten eilten an mir vorbei, ein ganz normales Viertel mit seinen Geschäften, seiner Zeitungsverkäuferin an der Ecke, ich kaufte die 5 Uhr Ausgabe des Crepuscule und ging ins nächste Bistro, Marc Covet hatte einen ziemlich langen Artikel über Lenantais Tod hingeschmiert, jetzt mußte ich nur noch warten daß jemand diesen Artikel las und reagierte, aber wer und wie, ich kaufte Croissants und Milch, und ging in die Passage des Hautes-Formes zurück, Belita stand im Hof und stopfte in den verfaulten Chrysanthemen in den Mülleimer, ihr Morgenmantel gähnte was das Zeug hielt.
Burma: Berührst du mich, nein, ich auch nicht.
Belita: Paß auf, hinter dir, Salvador.
Salvador: Los, mitkommen.
Burma: Wer ich.
Salvador: Die da.
Burma: Du haust jetzt ganz schnell wieder ab.
Salvador: Vor dir.
Burma: Ich bin nicht allein, mit Blei in der Birne kannst nicht mehr hinter deinen Cousinen herrennen.
Burma: Der Kerl machte ein dämliches Gesicht und trat den Rückzug an.
Salvador: Ich hau ja schon ab.
Burma: Das ging ziemlich glatt, aber irgendwas würde noch kommen und es kam.
Salvador: So du Großmaul, zeig mal ob du immer noch der tolle Beschützer bist.
Burma: Plötzlich war er auch zu zweit, mit einem Messer das gefährlich blitzte.
Burma: Keinen scheiß du machst dich unglücklich.
Salvador: Aber du bist dann nicht mehr dabei.
Burma: Du wirst gleich mitgenommen von den beiden hinter dir.
Burma: Der Kleine fiel auf diesen Uralttrick herein und drehte sich um, das Messer fiel auf das holprige Pflaster, mit dem Fuß schoß sie es weit weg unter die Tür von Lenantais Schuppen.
Salvador: Fühl dich nicht so sicher, wir werden uns wiedersehen.
Burma: Salvador wußte jetzt, daß ich mit ihr schlief, also nichts wie weg aus dieser ungesunden Gegend.
Helene: Agentur Fiat Lux.
Burma: Helene, hier Burma, gibts was Neues.
Helene: Nein Chef, hier herrscht himmlische Ruhe.
Burma: Und mein Freund Florimond Faroux.
Helene: Nichts Chef.
Burma: Übrigens in meiner Wohnung ist vorübergehend ein Klient untergebracht.
Helene: Hmh, nach ihren leuchtenden Augen zu urteilen handelt es sich wohl eher um eine Klientin.
Burma: Ihre Eifersucht ist bezaubernd schöne Helene.
Burma: Der Tag begann vielversprechend, keine Spur, kein Hinweis, mit Belita klapperte ich alle Lumpensammlerkollegen von Lenantais ab, nichts, in der Brasserie Rose nahmen wir kleinen Imbiß, ich lud Belita ins Kino ein, ein Kriminalfilm, vielleicht fiel mir dabei was intelligentes ein, wieder nichts, wir schlichen durch den verbummelten Tag.
Burma: Der einzige, der uns weiterhelfen kann, ist der Arzt in der Salpetriere, aber wie find ich den unter tausend Ärzten.
Belita: Madre dios, der Arzt.
Burma: Was ist mit dem Arzt.
Belita: Der ihn immer zuhause behandelt hat, ist schon ziemlich lang her, fast 2 Jahre, vielleicht ist er das.
Burma: Ist er bestimmt, wie heißt er.
Belita: Weiß ich nicht mehr, aber er hat ein Rezept ausschreiben, ich bin damals selbst zur Apotheke gegangen.
Burma: Also zurück in die Passage des Hautes-Formes, wenn er das Rezept aufbewahrt hat, werde ich es finden, die flics haben sich bestimmt nicht für das Rezept interessiert.
Burma: Lenantais wohnte über seinem Schuppen, oben sah es genauso aus wie unten, Lumpensammler und dazu noch Anarchist, da blieb die Ordnung auf der Strecke, offensichtlich hatte aber auch der Arm des Gesetzes geholfen, dieses Chaos anzurichten, die Bücher waren einfach aus dem Regal gerissen, und im Staub lagen ein paar seltene Nummern von Emile Pouget Le Pere Peinard und Sabotage neben Standardwerken wie Wegweiser für einen anarchistischen Individualisten von E. Armand, über einen Moral ohne Zwang von Guyau und Jule der Glückliche von Gore Vidal, tote Buchstaben und tote Gedanken, die nur noch Sammlerherzen höher schlagen lassen, mich kotzten sie an, ich ging wieder runter und schaute mich noch mal im Lager um, in eine Ecke, in die kaum Licht fiel, lag ein seltsamer Lumpenhaufen, einer mit Hosen und Regenmantel.
Belita: Schon wieder ein toter.
Burma: Reg dich nicht auf, du kennst Nestor Burma erst seit 24 Std, was Besseres kann mir gar nicht passieren, jetzt nimm dich zusammen und sieh dir die Leiche an, kennst du den.
Belita: Nie gesehen.
Burma: Papiere hatte der Kerl auch nicht dabei, dafür aber ein Messer im Rücken.
Burma: Salvador ist gut im messerwerfen, oja, hat gut getroffen.
Burma: Wer konnte dieses Opfer sein, neben ihm lag die heutige Ausgabe des Crepuscule mit Mark Covets Artikel über Lenantais, aufgeschlagen, mich traf also eine gewisse Mitschuld, irgendjemand hatte den Artikel gelesen und reagiert.
Belita: Was machen wir jetzt.
Burma: Die flics müssen ihn nicht unbedingt hier finden, aber ich möchte wissen, wer er ist, das können die besser rauskriegen, ich würd ihn irgendwo hinlegen wo er nicht zu lange vor sich hin schimmelt, ist Lenantais alte Kiste noch zu gebrauchen, sicher, hoffentlich hält der Nebel noch ein weilchen.
Burma: Wir hievten die Leiche auf Lenantais alten Fordtransporter, fuhren durch die rue national und bogen dann links in die rue de tolbiac ein, zur Seine hin wurde der Nebel immer dichter, drang sogar durch unsere Kleider, meine Finger waren blau gefroren, krampften sich ums Lenkrad, ohne daß ichs wollte, ab und zu spürte ich Belitas Schenkel, wir fuhren wie durch dreckige Watte.
Belita: Rue de tolbiac.
Burma: Hier drunter sind die Gleise vom gare d austerlitz.
Belita: Sei vorsichtig.
Burma: Blödes arschloch, war wohl völlig besoffen.
Burma: Ich warf den Wagen wieder an, bald waren wir am Seineufer, überall lag Alteisen, der Unbekannte würde sich auf diesem Schrotthaufen wie zuhause fühlen, hatte sich ja bei Lenantais schon dafür interessiert, ich hielt an, stieg aus und lief nach hinten.
Burma: Wir haben ihn verloren, hahaha, dem hat es bei uns nicht gefallen, oder er ist per Anhalter gefahren, ich dachte Tote schlafen fest.
Burma: Wir fuhren denselben Weg zurück, mitten auf dem pont de tolbiac, im dicken Nebel kaum zu erkennen, beugten sich zwei Schatten mit Pelerine über ein längliches Paket.
Burma: Ich glaube, ich hab mir einen Schluck verdient, du auch.
Belita: Ich hab Angst, cheri.
Burma: Ach was, mon amour.
Belita: Aber vielleicht kann ich dir doch helfen, Abels Mörder zu finden, wir müssen noch zur Heilsarmee, mit denen machte Abel auch Geschäfte.
Burma: Jaja, die Soldaten Gottes haben ihn abgemurkst.
Burma: Der nächste morgen fing beunruhigend erfolgreich an, unsere verlorene Leiche war identifiziert, die Zeitungen machten die Geschichte groß auf.
Belita: Bis zu seinem Tod brachte der pont de tolbiac Inspektor Ballard nur Unglück.
Burma: Norbert Ballard war vor 20 Jahren beauftragt, das Verschwinden des Geldboten Daniel aufzuklären, dessen Spuren sich auf dem Pont de tolbiac verloren hatten, Ballard gelang es nie das Rätsel aufzuklären, er wurde darüber schwermütig, wurde frühzeitig pensioniert, und suchte sein restliches Leben lang die Lösung.
Belita: Man konnte ihn häufig in der Nähe der rue dechevalier oder an den quais herumirren sehen, dieser harmlose friedliche Wahn muß ihm wohl zum Verhängnis geworden sein, wie seine frühere Kunden kehrte er an den Ort seines Verbrechens, seines Falles, seines Geheimnises zurück, dort fiel er seinen Mördern in die Hände, was bedeutet das.
Burma: Eins steht jedenfalls fest, Salvador war es nicht.
Burma: Und noch ein Erfolg, Helene hatte Lenantais Arzt ausfindig gemacht, weiß der Teufel wie und sie hatte sogar schon mit ihm geredet.
Helene: Ein gewisser Dr Kodorat, kennen sie ihn.
Burma: Nein nie gehört.
Helene: Aber er kennt sie.
Burma: und woher wissen sie das.
Helene: Er meinte, falls es sich um Abel Benoit handeln würde, sollten sie sich besser an Monsieur Baurenot wenden, er sei bereits unterrichtet und erwarte sie.
Burma: Danke Helene, können sie sich das erklären.
Helene: Vielleicht lesen auch Ärzte manchmal Zeitung.
Burma: Ich möchte zu Monsieur Baurenot.
Mann: Sie haben Glück, eine Minute später, und ich hätte sie nicht mehr reingelassen.
Burma: Warum.
Mann: Hören sie die Säge, Monsieur.
Burma: Jetzt nicht mehr.
Mann: Eben, die Stunde x, Streik.
Burma: Ich ging hoch ins Büro, ein Mann von rund 50 Jahren stand am Fenster und sah durch die Gardine auf den Fabrikhof, gutgekleidet, fett, breite Schultern, Charles Baurenot drehte sich zu mir um, musterte mich und meine Zeitungen, die ich unter dem Arm festgeklemmt hatte.
Baurenot: Nestor Burma, altes Haus, was hast du denn die ganze Zeit getrieben.
Burma: Ich muß wohl ziemlich blöd gekuckt haben, in der tat war ich auf eine solche Begrüßung nicht gefaßt.
Baurenot: Na dämmert dir langsam, wer hätte das gedacht, Detektiv, naja, mein Name sagt dir wohl nichts, was, ja damals nannte ich mich Diporeno.
Burma: Im Club der aufständischen, Boulevard August Longin, Thema wer ist schuld, die Gesellschaft oder der Verbrecher, Cami Berni.
Baurenot: Nicht so laut, Cami Berni ist tot und begraben, war übrigens mein Name bei Anarchisten, mein richtiger Name ist Claude Baurenot, dein Name steht öfter in den Zeitungen, Privatflic, ist ein Unterschied, ein kleiner, also um was geht es.
Burma: Ich schätze, daß dich in allernächster Zeit jemand belästigen wird.
Baurenot: Aha, versteh ich nicht.
Burma: Ich erzählte ihm von Lenantais Brief, und von meiner Überzeugung, daß ich jetzt die Freunde oder zumindest einen der Freunde gefunden hatte, denen ich nach Meinung des Alt und Exgenossen Lenantais hätte helfen sollen.
Baurenot: Irgendein Schwein bringt Lenantais um, hat ne Sauerei vor, du sollst diese gemeinsamen Freunde davor bewahren ja gut gut aber wieso hast du sofort an mich gedacht.
Burma: ZB weil ihr euch immer noch gesehen habt, weil du ihm geholfen hast, weil du seinen Arzt bezahlt hast.
Baurenot: Weil ich ihn manchmal beneidet habe, jawohl, alle reichen Säcke erzählen dieses Märchen, aber ich mein das anders, er hatte so was unverdorbenes an sich, das tut richtig gut, und deshalb hab ich ihm den Arzt bezahlt.
Burma: Und der Arzt hat der sich nicht gewundert.
Baurenot: Ein guter Freund von mir, hat gedacht ich wäre besonders barmherzig, wenn ich einem Lumpensammler helfe, es war keine.
Burma: Sondern Erinnerung an die Vergangenheit, egal was aus uns noch wird, so ganz löst man sich nie davon.
Baurenot: Die Vergangenheit ist vergangen, meine Vergangenheit ist mir scheißegal.
Jean: Scheiße, hast du die Zeitung gelesen.
Burma: Der Mann sah mich an und blieb wie angewurzelt stehen, eckiges Kinn, elegant gekleidet, Brille mit Goldrand, dunkle Augen, gehetzter Blick, er schien krank, blaß in den Knien.
Baurenot: Hey Burma, kennst du Delond nicht mehr.
Burma: Ich hab ihn nur unter Jean gekannt, ich glaube jetzt würde ich langsam sämtliche Vegetalier wiedererkennen.
Jean: Natürlich, hätte dich kaum wiedererkannt, du warst damals ein ganz kleiner scheißer, unseren Älteren gebührt Respekt, um ein haar hätte man mir nicht aufgemacht, die streiken also tatsächlich, scheint wohl die Zeit zu sein, was hast du, bist du krank, du siehst, irgendwas ist mir schlecht bekommen, die Austern glaub ich.
Burma: Wir tranken Champagner, redeten über die alte Zeiten, über ehemaligen Genossen aus dem Vegetalierheim, ich ließ so richtig Dampf ab und schimpfte auf den grasfressenden Barbardu und das Arschloch von Lacore, Delong wurde immer blaßer. Was ist denn mit dir los.
Baurenot: Vorurteile, sich weiterentwicklen na gut, auch ruhig sein Mäntelchen nach dem Wind hängen, was ist daran schlimmes, aber Jean meint, das mit Lacorre das war ein starkes Stück.
Burma: Hat er den Geldboten überfallen.
Baurenot: Nein, besser, oder schlechter, wir habens aus der Zeitung erfahren, er hat vor etwa 20 Jahren seine Freundin umgebracht, weil sie ihn betrogen hat hier.
Burma: Apropos vor 20 Jahren und Geldbote, vielleicht erzählt ihr mir mal was über das Geheimnis des tolbiac, ihr habt doch den Geldboten der Kühlfirma um die Ecke gebracht, stimmts.
Baurenot: Du jetzt reichts aber.
Burma: Ich zitier aus der Zeitung von heute, auch die Polizeispitzel des Milieus waren für Inspektor Ballard keine Hilfe, entweder Einzelgänger oder Anarchisten, schätze ich, Anarchisten waren keine typischen Gangster, sie waren auch keine Verräter, intelligente Verbrecher.
Baurenot: Intelligente Verbrecher, wenn ich das schon höre.
Burma: Das hast du damals selbst gepredigt, im Vegetalierheim, weiter, ich will euch sagen wie ihr es gemacht hat, Lenantais und ihr zwei, bequatscht den Angestellten der Kühlfirma, das Geld, das er mit sich rumschleppt, unter euch aufzuteilen, der Geldbote soll untertauchen, taucht aber nach einiger Zeit wieder auf, als ihr das Geld schon unter euch beiden verschachert habt, ich möchte nicht weiter ins Detail gehen.
Baurenot: Aha, ist aber schade.
Burma: Ihr seid Charakterschwein, im Gegensatz zu Albert Lenantais, er hat euch vertraut und mir auch, denn ich sollte euch warnen, verdammt noch mal ich soll euch nicht die Leviten lesen ist mir scheißegal was ihr gemacht habt, aber eins sag ich euch, ich werde Alberts Mörder finden, auch wenn ihr mir nicht helft.
Baurenot: Wir können dir leider nicht helfen, weil wir nichts damit zutun haben, glaubst du wenigstes selbst an deine Geschichte.
Burma: Nicht unbedingt, ist so ne Art Diskusionsgrundlage.
Baurenot: Dann ist die Diskussion wohl beendet.
Burma: Ein paar Minuten später saß ich in einem Bistro an der Avenue Decobe und spülte mir den Champagnergeschmack aus dem Mund, dann rief ich in meiner Wohnung an, es hob niemand ab, verdammt, Lenantais, der pont de tolbiac, diese Anarchos, war mir scheißegal, ich mußte mich verwählt haben, aber es nahm immer noch niemand ab, ich rannte aus dem Bistro und nahm mir ein Taxi.
Burma: Belita, Belita.
Burma: Auf dem Bett lag ein Zettel. Es ist besser, wenn ich gehe.
Belita: Es ist besser, wenn ich gehe, Salvator hat bewiesen wozu er fähig ist, wenn ich bei dir bleibe, wird er dich töten, ich will nicht, daß er dich tötet.
Burma: Ich lief durch die Stadt auf der Suche nach Belita, und ein bißchen Ruhe in meiner Brust, ich ging über den pont national über die breite Steintreppe, stand plötzlich wieder auf der Kreuzung cantagrel watt scherale, die Gebäude der Heilsarmee erinnerten mich wieder an Belita, hatte sie nicht von Lenantais Geschäftsbeziehung mit der Heilsarmee gesprochen, dieses Viertel geht aufs Gemüt, und ich rief meinen Freund Marc Covet an, um mich in Gesellschaft zu besaufen.
Covet: Nestor Burma hat Kummer, schlimm.
Burma: Ja sieht so aus.
Covet: Komm spucks aus, worum gehts, ne Frau.
Burma: Auch und vor allem das Gefühl, daß ich nahe dran bin, aber keine Idee, ich brauch sie doppelt, einmal so, und als Muse.
Covet: Wie verstehe ich denn das.
Burma: Belita hat was gesagt von Lenantais und der Heilsarmee, jetzt ist sie weg, ich find sie nicht mehr, weiß sowieso nicht weiter, was soll ich mit der Heilsarmee.
Covet: Vielleicht einen alten Anarchisten, bei ihnen untergeschlüpft ist, das machen solche Kerle öfter, wenn sie rauskommen.
Burma: Bleib sitzen, und sauf eine auf meine kosten.
Covet: Ja mach ich.
Mann: gott ist mit dir.
Burma: Mag schon sein aber ich bin Schriftsteller, und bereite ein Buch vor über Bagno-Sträflinge, die wieder Fuß gefaßt haben nach ihrer Entlassung, und da ich weiß, daß die Heilsarmee sich derer annimmt, ist meine Frage, ob sie mir nicht Gesprächspartner aus ihren Reihen empfehlen, falls sie überhaupt solche kennen.
Mann: Ja nun einige niedere Ränge haben schwere Stunden durchgemacht, vorsichtig ausgedrückt, aber sie haben Glück, vor kurzen ist einer aus der Provinz hergekommen, er wird sich bestimmt mit Vergnügen für ihre Dokumentation zur Verfügung stellen, Yves Lacorre ist sehr hilfsbereit.
Burma: Yves Lacorre, Yves Lacorre, im Archiv des Crepuscule las ich den Fall des verschwundenen Geldboten nach, das Geheimnis des pont tolbiac, so bliesen die Journalisten den Fall damals auf, dann machte ich mich nochmal auf zur Heilsarmee, Lacorre war da gewesen, aber mit einem Besucher wieder weggegangen, sagte mir das Engelsgesicht von vorhin, ich lief wieder durch die lausigen Straßen des verlotterten Viertels, ein Wind blies durch die skelettartigen Bäume im Vorgarten der Entbindungsklinik, nicht gerade angenehm bei dieser düsteren Musik, was suchte ich eigentlich, Belita, Belita, cherie, siehst du wie du mir bei meiner Suche nach Lenantais Mörder behilflich bist, jetzt hab ich ihn, wieder ein Windstoß, sowas wie ein kleines Rad kam auf mich zugerollt, eine Uniformmütze der Heilsarmee, halleluja ich ging zurück, plustete mich nochmal auf, und bekam prompt Lacorres Sachen zu sehen, unter anderem einen Umschlag mit der Aufschrift für den Bezirkskommissar.
Lacorre: Kommissar, ich heiße Yves Lacorre, vor zwanzig Jahren habe ich mit zwei Komplizen die ich von den Anarchisten kannte, Camille Bernis und Jean genannt der Aufständische den Geldboten der Kühlbetriebe Monsieur Daniel in einen Hinterhalt gelockt, wir haben ihn im Keller seines eigenen Hauses vergraben, Bernis und Jean haben mich hintergangen, ich werde ihnen den Hals umdrehen oder sie mir, im zweiten Fall werden sie Kommissar diesen Brief lesen und dem Gesetz genüge tun, PS, um Lenantais brauchen sie nicht mehr zu kümmern, ich habe ihn zufällig wieder getroffen, er verkaufte alte Möbel und nannte sich Benoit, ich wollte von ihm wissen, wo ich Bernis und Jean finden kann, wir haben uns gestritten und ich habe ihn niedergestochen, damit habe ich der Gesellschaft einen Dienst erwiesen, denn er war ein Dogmatiker, also sehr viel gefährlicher als gewisse andere.
Burma: Ich faltete den Brief und wollte ihn in die Tasche stecken.
Mann: Das bekommt die polizei Monsieur.
Burma: Und dann stand ich auf der Straße, in der rue bruneseau, ich wußte selber nicht wie ich dahingekommen war, was ich da wollte, aber dann sprang ich über die Gartenmauer, ging die Kellertreppe hinunter, knackte das Vorhängeschloß, und riß ein Streichholz an, ob unter dem Boden tatsächlich eine Leiche lag konnte ich nicht sagen, darauf lag eine, in Heilsarmeeuniform, erschossen, Lacorre.
Covet: Es war eine verdammt lange Dienstreise, und jetzt eine Story aber fix, also hast du Lacorre gefunden.
Burma: Ja kannst dir anschauen, in einer dreckigen Baracke in der rue bruneseau, im Keller eingegraben liegt ein Geldbote seit 20 Jahren, darauf ruht Lacorre, erschossen, nettes Bild, exlusiv für dich.
Covet: Wer wars.
Burma: Baurenot oder Delong oder beide, ich dachte an Lenantais, er hatte Lacorre nicht verraten, wo er die beiden finden konnte, hätte er es getan, würde er noch leben, er war abgestochen worden für zwei abtrünnige Exgenossen, die ihn belogen und betrogen hatten.
Covet: Willst du immer noch den Willen von Lenantais erfüllen, willst du immer noch den Freunden helfen.
Burma: Baurenot traf ich am Austerlitz, reden wir, aber nicht so nah am Wasser.
Baurenot: Was willst du, ist ja alles bloß deine Schuld.
Burma: Was, der Mord an Lacorre.
Baurenot: Du weißt also bescheid du Schwein.
Burma: So ungefähr.
Baurenot: Delong hat den Kopf verloren.
Burma: Das finde ich überhaupt nicht, immerhin hat er geahnt, wo man einen ehemaligen Banjosträfling finden kann, wußte auch wo sich Lenantais rumgetrieben hatte, wo er überfallen wurde.
Baurenot: Da kann er ziemlich intelligent sein, schluß mit den gequatsche, wo sind die flics, du hast sie doch mitgebracht.
Burma: Sollen gleich hier sein, Lacorre hat es hinterlassen, ich bin gekommen um dir ne Chance zu geben, deine letzte, verschwinde, bei dir sowieso alles im Arsch.
Burma: Die flics machten den Rest und schnappten sich die beiden wohlanständigen Stützen der Gesellschaft, aber ich war noch nicht fertig mit dem 13. Arrondissement, ich machte mich auf die Suche nach Belita, wieder ging ich durch die Straßen die Belita und mich zusammen gesehen hatten, und eines nachmittags als ich mich in der Nähe des pont de tolbiac herumtrieb sah ich sie, sie kam direkt auf mich zu, es war ihr federnder Gang, der rote Rock, der gelbe Gürtel, die wiegende Hüften, die ungebändigte schwarze Haarpracht, die stolze Brust, sie lief auf mich zu, sank mir in die Arme, klammerte sich an mich, ich küßte sie, ihre Augen verloren ihren Glanz, mit einer Hand steichelte ich ihr über den Rücken, ich schaute über ihre Schultern hin weg, mitten auf der rue illustrela stand Salvador, die Hände in den Taschen seiner Jacke, er lachte.
Christian Brückner Nestor Burma
Sabine Postel Hélène, seine Sekretärin
Dieter Eppler Kommissar Florimond Faroux
Jürgen Andreas Inspektor Fabre
Manuela Romberg Bélita
Andreas Mannkopff Marc Covet
Karl Michael Vogler Baurénot, Ex-Anarchist
Joachim Bartels
Manfred Boehm
Ernst Konarek
Wolfgang Reinsch
Margarete Salbach
Willi Schneider
Andreas Szerda
Iris Werlin
Bearbeitung (Wort): Klaus Schmitz
Regie: Bernd Lau
25.05.2026, 07:21 Uhr |
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| Leo Malet |
Leo Malet: Die Brücke im Nebel (SWF 1989)
Burma: Mein Wagen war in der Inspektion, also nahm ich die Metro ins 13. Arrondissement, hätte mir auch ein Taxi leisten können, aber bis Weihnachten waren es noch eineinhalb Monate, außerdem nieselte es hundsgemein und dann lösen sich in Paris die Taxis bekanntlich in Luft auf, laufen einfach ein, sobald sie vom ersten Tropfen naß werden, ich nahm also die Metro, setzte mich ins 1. Klasseabteil der Linie Eglise de Pantin - Place d'Italie und las noch mal diesen mysteriösen, nach billigem Parfüm riechenden Brief.
Benoit: Lieber Genosse, ich wende mich an dich auch wenn du flic geworden bist, aber du bist anders als die anderen flics und außerdem kenne ich dich von klein auf, ein Scheißkerl hat ne Schweinerei vor, komm zu mir ins Hopital de la Salpetriere, dann erklär ich dir, wie du ein paar Freunden helfen kannst, in brüderlicher Verbundenheit, Abel Benoit.
Burma: Keine Ahnung wer Abel Benoit war, keine Erinnerung an das Parfüm, wahrscheinlich wollte mich einer im November in den April schicken, plötzlich hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden, hinter der Trennscheibe zur 2. Klasse stand ein Mädchen, sie sah aus, als pflücke sie 1000km weiter weg Vergißmeinicht, als unsere Blicke sich trafen sah sie mir direkt in die Augen und blinzelte mir kaum merklich zu, ein aufregendes Mädchen, Anfang 20, tolle Figur, blauschwarz-schimmernde Haare, eine Zigeunerin wohl, an der Station Gare d'Austerlitz stieg ich aus, sie auch.
Belita: Sie sind Nestor Burma, stimmts.
Burma: Ja, und sie.
Belita: Gehen sie nicht hin, es ist umsonst.
Burma: Wohin soll ich nicht gehen.
Belita: Da wo sie hingehen, zu Abel Benoit, es hat keinen Zweck mehr.
Burma: Mit einer energischen Kopfbewegung warf sie ihre schwarze Haarpracht zurück, die Ohrringe klirrten gegeneinander, da stieg mir eine Wolke des billigen Parfüms in die Nase.
Belita: Er ist tot.
Burma: Dann war es doch kein Aprilscherz.
Belita: Wie meinen sie das.
Burma: Nur so, weiter.
Belita: Das ist alles.
Burma: Entweder haben sie schon zu viel gesagt oder nicht genug, wann ist er gestorben.
Belita: Heute morgen, er wollte sie sehen aber dazu ist es ja jetzt zu spät, vielleicht habe ich seinen Brief zuspät zur Post gebracht.
Burma: Ich hab doch so was gerochen, waren sie mit ihm verwandt.
Belita: Er war ein alter Freund von mir, so was wie ein Adoptivvater.
Burma: Was wollte er von mir.
Belita: Weiß ich nicht.
Burma: Aber er hat ihnen von mir erzählt.
Belita: Ja.
Burma: Was.
Belita: Sie wären ein Flic, Privatflic aber anders als die anderen, ganz in Ordnung, ich könnte ihnen vertrauen.
Burma: Und, vertrauen sie mir.
Belita: Weiß ich nicht.
Burma: Viel wissen sie wirklich nicht.
Belita: Nur daß er tot ist.
Burma: Ja jedenfalls behaupten sie das.
Belita: Glauben sie mir nicht.
Burma: Hören sie meine liebe, haben sie auch einen Namen.
Belita: Belita, Belita Morales.
Burma: Also meine liebe Belita, ich glaube im Allgemeinen nur das was ich sehe, sie erzählen mir er sei nicht mehr und ich geh wieder nach hause, leider gehe ich nie so schnell nach hause, ich bin hartnäckig.
Belita: Ich weiß.
Burma: Ach endlich wissen sie mal was.
Belita: Ja das hat er mir nämlich auch erzählt.
Burma: Ich gehe in die Salpetriere und sie kommen mit.
Belita: Nein.
Burma: Und wenn ich sie mir unter den Arm klemme.
Belita: Das würde ich ihnen nicht raten.
Burma: Na schon gut, gehe ich eben allein, werde sie schon wiederfinden.
Belita: Das wird nicht schwer sein, ich warte auf sie.
Fabre: Sieh mal einer an, Genosse Burma, herzlich willkommen Genosse Burma.
Burma: Zum Glück bin ich kein flic, sonst würde ich sie bei ihrem Vorgesetzten verpfeifen, was soll denn dieses Vokabular, sind sie bei den Kommunisten.
Fabre: Diese Frage wollte ich ihnen stellen.
Burma: Dieser Staatsbürger in ziviler Uniform war niemand anders als Inspektor Fabre, einer der Leute meines Freundes Florimond Faroux, Chef der Kripozentrale.
Burma: Ich bin kein Kommunist.
Fabre: Aber sie waren Anarchist, vielleicht sind sies immer noch, für mich ist das alles eins.
Burma: Schon lange her seit ich die letzte Bombe geworfen habe.
Fabre: Verdammte Anarchisten.
Burma: Jetzt reichts aber Mr McCarthy, schon mal was von G. Clemenceau gehört.
Fabre: Der Tiger.
Burma: Genau dem, dem ersten Flic der Nation, wie er sich selbst getauft hat, wer mit 16 kein Anarchist war, ist ein Dummkopf.
Fabre: Das hat er gesagt der Tiger.
Burma: Jawohl mein lieber.
Fabre: Aber sollte er nicht hinzugefügt haben, aber auch der ist einer der mit 40 immer noch einer ist oder so ähnlich.
Burma: Stimmt, so was ähnliches soll er auch gesagt haben.
Fabre: Hören wir auf mit dem Quatsch, sie wollten zu Abel Benoit.
Burma: Und sie haben direkt auf mich gewartet.
Fabre: Genau, an sich ist der Fall klar, ein Überfall bei dem das Opfer dran glauben mußte aber daß sie das Opfer kannten fanden wir ganz lustig Kommissar Faroux und ich.
Burma: Es wird sogar noch lustiger, ich kannte diesen Abel Benoit überhaupt nicht.
Fabre: Warum haben sie dann nach ihm gefragt.
Burma: Kommen sie schauen wir uns die Leiche an.
Fabre: Na Monsieur Burma.
Burma: Falls ich ihn kannte, hatte er bestimmt weniger Haare auf der Oberlippe, dafür mehr auf dem Schädel, vielleicht hat er auch gelacht.
Fabre: Ja soll vorkommen, im Augenblick sieht er ziemlich wütend aus.
Burma: Vielleicht ist ihm zu kalt, sagen sie, hatte dieser Abel Benoit noch andere Namen.
Fabre: Lenantais.
Burma: Lenantais, der aus Nord.
Fabre: Kein Spitzname, Lenantais ein Wort, Abel.
Burma: Großer Gott, Albert Lenantais, natürlich kannte ich ihn.
Fabre: Wann und wo.
Burma: Vor 30 Jahren in der Rue Tolbiac, Heim für Vegetalier.
Fabre: Falsch.
Burma: Wieso falsch.
Fabre: Vegetarier.
Burma: Was lernt ihr eigentlich auf der Polizeischule, Vegetalier, Vegetarier essen kein Fleisch, dafür aber Eier und Milchprodukte, Vegetalier dagegen essen ausschließlich pflanzliche Kost, einer behauptete sogar man müsse Gras fressen direkt von der Wiese, auf allen vieren.
Fabre: Und Lenantais, war das auch so ein Bekloppter.
Burma: Ein bißchen.
Burma: Ich erinnerte mich an eine Szene im Vegetalierheim, es war kurz vor Weihnachten, der Genosse Garum kam in den Schlafsaal, schnüffelte, sah einen anderen Genossen seine Pfeife rauchen, ging auf ihn zu, nahm ihm die Pfeife aus dem Mund und schmiß sie gegen die Wand, daß sie zerbrach.
Benoit: Genosse Garum, das war ein autoritärer Akt, eines Anarchisten unwürdig, willst du uns vielleicht eines Tages auch noch zwingen, auf allen vieren Gras zu fressen, du kannst tun und lassen was du willst, kannst erzählen wie schädlich Tabak ist, aber du mußt die Sklaven solcher Bedürfnisse durch Argumente überzeugen nicht durch autoritäres Verhalten.
Ich nenn das verrückt aber das wundert mich nicht sie kennen sowieso nur verrückte.
Faroux: Nanana ganz so hart wollen wir das nicht ausdrücken.
Burma: Sieh an, Kommissar Faroux bemüht sich persönlich.
Faroux: Wann haben sie Lenantais zum letzten Mal gesehen.
Burma: Vor 30 Jahren, reicht das, und jetzt erzählen sie mir was hier gespielt wird.
Faroux: Gehen wir in ein Bistro.
Burma: Okay, ich brauch sowieso einen Schluck.
Faroux: Ein seltsame art das andenken in ehren halten wo er doch nur Wasser trank.
Burma: Er war tolerant.
Faroux: Was trinken sie.
Burma: Whisky, wenn sie mir schon einen ausgeben, dann wollen sie mir bestimmt sagen, was sie schon alles wissen, also raus damit, zB wo wohnte er.
Faroux: Passage des Hautes-Formes, gleich um die Ecke von der rue de tolbiac in einem Schuppen.
Burma: Und was machte er so.
Faroux: Er handelte mit Lumpen und kümmerte sich um eine schöne Zigeunerin, die im Nebenhaus wohnt, im übrigen hat er eine Menge Zeitungsauschnitte gesammelt.
Burma: Das ist nichts besonderes, machen viele.
Faroux: Aber nur Berichte über Kriminalfälle, in die ein gewisser Nestor Burma verwickelt war, meistens geschrieben von einem Journalisten mit eindeutigem Ruf.
Burma: Damit konnte nur mein trinkfreudiger Journalistenfreund gemeint sein, dessen Geschmacksnerven waren zwar vom Saufen lädiert aber sein Zinken roch die heißen Fälle schon vom weitem.
Burma: Kommissar sie entschuldigen mich einen Augenblick.
Frau: Redaktion Le Crepuscule.
Burma: Nestor Burma, geben sie mir Marc Covet.
Frau: Ich verbinde.
Covet: Hallo.
Burma: Burma, wieder mal mit ner kleinen Bitte, sieh doch bitte mal nach, was in den letzten Tagen über das 13. Arrondissement zusammengeschmiert worden ist, zwischen den Dreizeilern da muß irgendwas über einen Lumpensammler namens Abel Benoit stehen, richtiger Name Lenantais, recherchier mal ein bißchen und fabrizier einen Artikel über 30 Zeilen und paß auf daß er auch gedruckt wird.
Covet: Ist das der anfang von was.
Burma: Schon das ende, er ist tot, hab ihn gekannt, vor ner Ewigkeit.
Covet: Und jetzt sorgst du posthum für Publizität.
Burma: Ach, der hat bestimmt keinen Wert drauf gelegt, in der Zeitung zu stehen, ein ganz bescheidener.
Covet: Also mißachtest du seinen Willen.
Burma: Kann schon sein.
Burma: Ich schickte die Schnipsel von Lenantais Brief mit der Wasserspülung auf große Fahrt, genehmigte mir noch ein Glas an der Theke und machte mich auf zur Passage des Hautes-Formes, um dieser süßen Belita einen besuch abzustatten, hier sah es noch aus wie unter dem ancient regime, links und rechts nichts als Baracken, höchstens mal 1 Etage drauf.
Burma: He, he, wo finde ich den Schuppen von Abel Benoit.
Mann: Am ende vom hof links.
Burma: Und dahinter schimmerte Licht durch die Haustür, sie war nicht abgeschlossen, und schon war ich drin im Hausflur, und mitten in einem Mordsgestank von verwesenden Chrysanthemen, eine Stiege führte ins obere Stockwerk, wer quält hier kleine Mädchen um die zeit, ein furchtbares Weib drehte sich um, der Kopf saß direkt auf einer mottenzerfressenen Pelzjacke, eine Peitsche in der Hand.
Burma: Hallo Belita.
Frau: Belita, Belita, der fickt dich also, mit irgendeinem mußt du ja ficken, du Hure.
Burma: Ich schlafe immer allein.
Frau: Und du, du Hurenbock.
Burma: Halt eine Schnauze, oder was das große schwarze Loch da ist, pack deine Titten ein und dann verpiß dich, so das wärs.
Belita: Danke.
Burma: Schon gut, übrigens sie haben nicht auf mich gewartet heute nachmittag.
Belita: Ich hab die flics gesehen.
Burma: Dachte ich mir, aber erstmal müssen wir das behandeln.
Burma: Ich zeigte auf ihre Brust und sah mir die Striemen näher an, die die Alte ihr mit der Peitsche beigebracht hatte, eindrucksvoll, sieht nicht gut aus.
Belita: Ich kümmer mich drum.
Burma: Na legen sie sich hin.
Burma: Ich nahm das erstbeste Handtuch und machte ihr eine Kompresse, es war nicht so schlimm wie ich ursprünglich angenommen hatte, ich stopfte meine Pfeife, mir war kotzelend, dazu der Gestank von unten, kurzentschlossen ging ich runter, schnappte mir die Kiste mit Chrysanthemen und warf alles auf den Hof, das wärs, sagte ich schon zum zweiten mal, erzählen sie mal von vorn und keine Märchen, hm.
Belita: Also gut, das ist seine Brieftasche, Abel hat ausgesagt, er sei von Arabern überfallen worden, aber das ist nicht wahr, ich sollte die Brieftasche verstecken, damit es so aussah, als hätte man ihn ausgeraubt.
Burma: Was ähliches hab ich schon die ganze zeit gedacht, ist noch alles drin.
Belita: Wofür halten sie mich.
Burma: Es waren 30000 franc drin aber sonst nichts, was mich weiterbrachte, Belita wollte das Geld nicht, und da steckte ich es erstmal ein, wer war die alte Hexe.
Belita: Dolores, vorhin bevor sie kamen hat sie mir erzählt, daß Abel ein Abkommen mit ihr hatte.
Burma: Abel hatte ein Abkommen mit ihr.
Belita: Er hat mich gekauft.
Burma: Gekauft.
Belita: Ja.
Burma: Und warum kauft ein Lumpensammler eine junge Zigeunerin.
Belita: Mit der Sippe kam ich vor 4 Jahren nach Lübri, dort lernten wir Abel kennen, Dolores haßte mich, er riet mir wegzugehen, aber ich konnte nicht, als es noch schlimmer wurde, ging ich zu ihm, er brachte mir lesen und schreiben bei, sorgte für mich.
Burma: Und wieso gekauft.
Belita: Er zahlte damit sie mich in ruhe ließen.
Burma: Ach jeden Tag verlier ich eine Illusion, ich dachte die Zigeuner hätten mehr Charakter.
Belita: Nur eines hätten sie niemals geduldet.
Burma: Was.
Belita: Wenn er mit mir geschlafen hätte.
Burma: Und.
Belita: Er hat mich nie angerührt, und das wußten sie, manche Dinge spüren wir instinktiv.
Burma: Wir.
Belita: In gewisser Hinsicht gehör ich noch zu ihnen.
Burma: Ja, das hat sich die liebe Dolores heute auch gesagt, sie wollte sie zurückholen, stimmts, also nochmal zu Abel, er kam schwerverletzt hier an und dann.
Belita: Erst sträubte er sich gegen das Krankenhaus, meinetwegen hat er nachgegeben, dann in die Salpetriere hat er gesagt, du lieferst mich einfach dort ab, ohne Erklärung, mein Privatleben geht niemand was an.
Burma: Er hat ihnen die Salpetriere genannt, warum.
Belita: Er kannte dort einen Arzt, glaub ich, werden sie ihn rächen, den Scheißkerl der ihn umgebracht hat.
Burma: Was ich vergessen habe wo ist er überfallen worden hat er ihnen das erzählt.
Belita: Er hat was von der rue watt gesagt, die Straße die unter der Bahn durchführt von der rue cantagrel zum quai de la gare.
Burma: Watt, ein vielversprechender Name um licht ins dunkel zu bringen, hoffentlich blieb es nicht bei versprechen, in den folgenden Stunden versuchte ich so viel wie möglich aus ihr rauszuholen, Lenantais Gewohnheiten, Freunde, Geschäftsfreunde, nichts brauchbares, aber Lenantais Geschichte war auch meine, zum teil jedenfalls und ich erzählte Belita von einem zornigen jungen Mann, Nestor Burma mit Namen, der hier in der Gegend rumgelatscht war, scheiß viertel ist das hier Belita, miese gegend, hier bin ich kaputtgemacht worden, hat sich zwar ziemlich viel verändert seit meiner Zeit, aber da ist immer noch das selbe Klima, hau ab, Belita, hau ab, verscheuer deine Blumen wo du willst, aber verschwinde aus dieser Gegend, es stinkt hier nach Elend, nach Unglück.
Belita: Jetzt hast du mich gedutzt.
Burma: Schlimm, bei Anarchisten duzt man sich schnell.
Belita: Ich finds gut, erzähl mir mehr aus dem Vegetalierheim, warum haßt du diese Zeit.
Burma: Weil nicht alle waren wie Lenantais, die meisten waren große Ärsche, Lacorre, der fing immer Streit mit mir an, ich verkaufte damals Zeitungen, um mir ein bißchen fressen zu kaufen.
Lacorre: Und ich sag friß doch wenn du so großen Hunger hast, verdammt, nennt sich Anarchist und verkauft bürgerliche Zeitungen, der Anarchist mit der Eisbombe.
Benoit: Jetzt reichts aber Lacorre, was soll er denn machen, bist du vielleicht ein besserer Anarchist.
Lacorre: Allerdings.
Benoit: Möchte wissen ob du überhaupt weißt, was das ist, bei uns kann jeder kommen und gehen, wie er will, wir fragen nicht danach was er ist.
Lacorre: Hätte noch gefehlt.
Benoit: Trotzdem ein Anarchist ist was anderes.
Lacorre: Jedenfalls verhält sich ein Anarchist nicht so passiv, er resigniert nicht, wie das Bürschen da, er läßt sich nicht dazu herab diesen bürgerlichen Schund zu verkaufen, er wehrt sich, schlägt sich durch, klaut.
Benoit: Leeres geschwätz, jeder kann sein leben leben wie er es für richtig hält solange er die Freiheit des anderen nicht einschränkt, der da verkauft sein Käseblättchen, du simulierst Arbeitsunfälle, unterstehst vor der Kontrolluntersuchung bei der Sozialversicherung, solange du noch kein Geldboten überfallen hast, mußt du die Schnauze halten.
Lacorre: Und du, hast du vielleicht einen Geldboten überfallen.
Benoit: Ich hab mir 2 Jahre Bau einfangen für Falschmünzerei, bin ich stolz drauf, aber das ist meiner Meinung nach was anderes als vorgetäuschte Unfälle.
Lacorre: Dabei wirds nicht bleiben, eines Tages passiert was, dann werden wir sehen, wozu ich eigentlich fähig bin, ich kann auch Geldboten zusammenschlagen.
Belita: Warum sollte Lacorre einen Geldboten überfallen.
Burma: Wir diskutieren damals die sog. illegale Aktion, die Frage war, sollten wir dem Kapital durch individuelle Aneignung oder gewalttätige Enteignung wie das damals hieß einen Schlag versetzen.
Belita: Wie alt warst du da.
Burma: 17.
Belita: Warum wurde von dir nicht dasselbe verlangt wie von Lacorre.
Burma: Ich hatte zwar nichts zu beißen, schlief im Vegetalierheim, aber als kühner Spieler des Lebens wie die Aktionisten genannt wurden war ich nicht vorgesehen.
Belita: Abel mochte dich wohl besonders.
Burma: Sind offenbar beide Abels Lieblinge gewesen.
Belita: Und jetzt beschützt du mich vor Dolores, das ist doch kein Zufall.
Burma: Ich sollte gehen.
Belita: Bleib, komm zu mir, halt mich ganz fest.
Burma: Der Nebel hatte sich verzogen, eine gelbe Sonne kitzelte die kahlen Akazien in der rue de tolbiac, Passanten eilten an mir vorbei, ein ganz normales Viertel mit seinen Geschäften, seiner Zeitungsverkäuferin an der Ecke, ich kaufte die 5 Uhr Ausgabe des Crepuscule und ging ins nächste Bistro, Marc Covet hatte einen ziemlich langen Artikel über Lenantais Tod hingeschmiert, jetzt mußte ich nur noch warten daß jemand diesen Artikel las und reagierte, aber wer und wie, ich kaufte Croissants und Milch, und ging in die Passage des Hautes-Formes zurück, Belita stand im Hof und stopfte in den verfaulten Chrysanthemen in den Mülleimer, ihr Morgenmantel gähnte was das Zeug hielt.
Burma: Berührst du mich, nein, ich auch nicht.
Belita: Paß auf, hinter dir, Salvador.
Salvador: Los, mitkommen.
Burma: Wer ich.
Salvador: Die da.
Burma: Du haust jetzt ganz schnell wieder ab.
Salvador: Vor dir.
Burma: Ich bin nicht allein, mit Blei in der Birne kannst nicht mehr hinter deinen Cousinen herrennen.
Burma: Der Kerl machte ein dämliches Gesicht und trat den Rückzug an.
Salvador: Ich hau ja schon ab.
Burma: Das ging ziemlich glatt, aber irgendwas würde noch kommen und es kam.
Salvador: So du Großmaul, zeig mal ob du immer noch der tolle Beschützer bist.
Burma: Plötzlich war er auch zu zweit, mit einem Messer das gefährlich blitzte.
Burma: Keinen scheiß du machst dich unglücklich.
Salvador: Aber du bist dann nicht mehr dabei.
Burma: Du wirst gleich mitgenommen von den beiden hinter dir.
Burma: Der Kleine fiel auf diesen Uralttrick herein und drehte sich um, das Messer fiel auf das holprige Pflaster, mit dem Fuß schoß sie es weit weg unter die Tür von Lenantais Schuppen.
Salvador: Fühl dich nicht so sicher, wir werden uns wiedersehen.
Burma: Salvador wußte jetzt, daß ich mit ihr schlief, also nichts wie weg aus dieser ungesunden Gegend.
Helene: Agentur Fiat Lux.
Burma: Helene, hier Burma, gibts was Neues.
Helene: Nein Chef, hier herrscht himmlische Ruhe.
Burma: Und mein Freund Florimond Faroux.
Helene: Nichts Chef.
Burma: Übrigens in meiner Wohnung ist vorübergehend ein Klient untergebracht.
Helene: Hmh, nach ihren leuchtenden Augen zu urteilen handelt es sich wohl eher um eine Klientin.
Burma: Ihre Eifersucht ist bezaubernd schöne Helene.
Burma: Der Tag begann vielversprechend, keine Spur, kein Hinweis, mit Belita klapperte ich alle Lumpensammlerkollegen von Lenantais ab, nichts, in der Brasserie Rose nahmen wir kleinen Imbiß, ich lud Belita ins Kino ein, ein Kriminalfilm, vielleicht fiel mir dabei was intelligentes ein, wieder nichts, wir schlichen durch den verbummelten Tag.
Burma: Der einzige, der uns weiterhelfen kann, ist der Arzt in der Salpetriere, aber wie find ich den unter tausend Ärzten.
Belita: Madre dios, der Arzt.
Burma: Was ist mit dem Arzt.
Belita: Der ihn immer zuhause behandelt hat, ist schon ziemlich lang her, fast 2 Jahre, vielleicht ist er das.
Burma: Ist er bestimmt, wie heißt er.
Belita: Weiß ich nicht mehr, aber er hat ein Rezept ausschreiben, ich bin damals selbst zur Apotheke gegangen.
Burma: Also zurück in die Passage des Hautes-Formes, wenn er das Rezept aufbewahrt hat, werde ich es finden, die flics haben sich bestimmt nicht für das Rezept interessiert.
Burma: Lenantais wohnte über seinem Schuppen, oben sah es genauso aus wie unten, Lumpensammler und dazu noch Anarchist, da blieb die Ordnung auf der Strecke, offensichtlich hatte aber auch der Arm des Gesetzes geholfen, dieses Chaos anzurichten, die Bücher waren einfach aus dem Regal gerissen, und im Staub lagen ein paar seltene Nummern von Emile Pouget Le Pere Peinard und Sabotage neben Standardwerken wie Wegweiser für einen anarchistischen Individualisten von E. Armand, über einen Moral ohne Zwang von Guyau und Jule der Glückliche von Gore Vidal, tote Buchstaben und tote Gedanken, die nur noch Sammlerherzen höher schlagen lassen, mich kotzten sie an, ich ging wieder runter und schaute mich noch mal im Lager um, in eine Ecke, in die kaum Licht fiel, lag ein seltsamer Lumpenhaufen, einer mit Hosen und Regenmantel.
Belita: Schon wieder ein toter.
Burma: Reg dich nicht auf, du kennst Nestor Burma erst seit 24 Std, was Besseres kann mir gar nicht passieren, jetzt nimm dich zusammen und sieh dir die Leiche an, kennst du den.
Belita: Nie gesehen.
Burma: Papiere hatte der Kerl auch nicht dabei, dafür aber ein Messer im Rücken.
Burma: Salvador ist gut im messerwerfen, oja, hat gut getroffen.
Burma: Wer konnte dieses Opfer sein, neben ihm lag die heutige Ausgabe des Crepuscule mit Mark Covets Artikel über Lenantais, aufgeschlagen, mich traf also eine gewisse Mitschuld, irgendjemand hatte den Artikel gelesen und reagiert.
Belita: Was machen wir jetzt.
Burma: Die flics müssen ihn nicht unbedingt hier finden, aber ich möchte wissen, wer er ist, das können die besser rauskriegen, ich würd ihn irgendwo hinlegen wo er nicht zu lange vor sich hin schimmelt, ist Lenantais alte Kiste noch zu gebrauchen, sicher, hoffentlich hält der Nebel noch ein weilchen.
Burma: Wir hievten die Leiche auf Lenantais alten Fordtransporter, fuhren durch die rue national und bogen dann links in die rue de tolbiac ein, zur Seine hin wurde der Nebel immer dichter, drang sogar durch unsere Kleider, meine Finger waren blau gefroren, krampften sich ums Lenkrad, ohne daß ichs wollte, ab und zu spürte ich Belitas Schenkel, wir fuhren wie durch dreckige Watte.
Belita: Rue de tolbiac.
Burma: Hier drunter sind die Gleise vom gare d austerlitz.
Belita: Sei vorsichtig.
Burma: Blödes arschloch, war wohl völlig besoffen.
Burma: Ich warf den Wagen wieder an, bald waren wir am Seineufer, überall lag Alteisen, der Unbekannte würde sich auf diesem Schrotthaufen wie zuhause fühlen, hatte sich ja bei Lenantais schon dafür interessiert, ich hielt an, stieg aus und lief nach hinten.
Burma: Wir haben ihn verloren, hahaha, dem hat es bei uns nicht gefallen, oder er ist per Anhalter gefahren, ich dachte Tote schlafen fest.
Burma: Wir fuhren denselben Weg zurück, mitten auf dem pont de tolbiac, im dicken Nebel kaum zu erkennen, beugten sich zwei Schatten mit Pelerine über ein längliches Paket.
Burma: Ich glaube, ich hab mir einen Schluck verdient, du auch.
Belita: Ich hab Angst, cheri.
Burma: Ach was, mon amour.
Belita: Aber vielleicht kann ich dir doch helfen, Abels Mörder zu finden, wir müssen noch zur Heilsarmee, mit denen machte Abel auch Geschäfte.
Burma: Jaja, die Soldaten Gottes haben ihn abgemurkst.
Burma: Der nächste morgen fing beunruhigend erfolgreich an, unsere verlorene Leiche war identifiziert, die Zeitungen machten die Geschichte groß auf.
Belita: Bis zu seinem Tod brachte der pont de tolbiac Inspektor Ballard nur Unglück.
Burma: Norbert Ballard war vor 20 Jahren beauftragt, das Verschwinden des Geldboten Daniel aufzuklären, dessen Spuren sich auf dem Pont de tolbiac verloren hatten, Ballard gelang es nie das Rätsel aufzuklären, er wurde darüber schwermütig, wurde frühzeitig pensioniert, und suchte sein restliches Leben lang die Lösung.
Belita: Man konnte ihn häufig in der Nähe der rue dechevalier oder an den quais herumirren sehen, dieser harmlose friedliche Wahn muß ihm wohl zum Verhängnis geworden sein, wie seine frühere Kunden kehrte er an den Ort seines Verbrechens, seines Falles, seines Geheimnises zurück, dort fiel er seinen Mördern in die Hände, was bedeutet das.
Burma: Eins steht jedenfalls fest, Salvador war es nicht.
Burma: Und noch ein Erfolg, Helene hatte Lenantais Arzt ausfindig gemacht, weiß der Teufel wie und sie hatte sogar schon mit ihm geredet.
Helene: Ein gewisser Dr Kodorat, kennen sie ihn.
Burma: Nein nie gehört.
Helene: Aber er kennt sie.
Burma: und woher wissen sie das.
Helene: Er meinte, falls es sich um Abel Benoit handeln würde, sollten sie sich besser an Monsieur Baurenot wenden, er sei bereits unterrichtet und erwarte sie.
Burma: Danke Helene, können sie sich das erklären.
Helene: Vielleicht lesen auch Ärzte manchmal Zeitung.
Burma: Ich möchte zu Monsieur Baurenot.
Mann: Sie haben Glück, eine Minute später, und ich hätte sie nicht mehr reingelassen.
Burma: Warum.
Mann: Hören sie die Säge, Monsieur.
Burma: Jetzt nicht mehr.
Mann: Eben, die Stunde x, Streik.
Burma: Ich ging hoch ins Büro, ein Mann von rund 50 Jahren stand am Fenster und sah durch die Gardine auf den Fabrikhof, gutgekleidet, fett, breite Schultern, Charles Baurenot drehte sich zu mir um, musterte mich und meine Zeitungen, die ich unter dem Arm festgeklemmt hatte.
Baurenot: Nestor Burma, altes Haus, was hast du denn die ganze Zeit getrieben.
Burma: Ich muß wohl ziemlich blöd gekuckt haben, in der tat war ich auf eine solche Begrüßung nicht gefaßt.
Baurenot: Na dämmert dir langsam, wer hätte das gedacht, Detektiv, naja, mein Name sagt dir wohl nichts, was, ja damals nannte ich mich Diporeno.
Burma: Im Club der aufständischen, Boulevard August Longin, Thema wer ist schuld, die Gesellschaft oder der Verbrecher, Cami Berni.
Baurenot: Nicht so laut, Cami Berni ist tot und begraben, war übrigens mein Name bei Anarchisten, mein richtiger Name ist Claude Baurenot, dein Name steht öfter in den Zeitungen, Privatflic, ist ein Unterschied, ein kleiner, also um was geht es.
Burma: Ich schätze, daß dich in allernächster Zeit jemand belästigen wird.
Baurenot: Aha, versteh ich nicht.
Burma: Ich erzählte ihm von Lenantais Brief, und von meiner Überzeugung, daß ich jetzt die Freunde oder zumindest einen der Freunde gefunden hatte, denen ich nach Meinung des Alt und Exgenossen Lenantais hätte helfen sollen.
Baurenot: Irgendein Schwein bringt Lenantais um, hat ne Sauerei vor, du sollst diese gemeinsamen Freunde davor bewahren ja gut gut aber wieso hast du sofort an mich gedacht.
Burma: ZB weil ihr euch immer noch gesehen habt, weil du ihm geholfen hast, weil du seinen Arzt bezahlt hast.
Baurenot: Weil ich ihn manchmal beneidet habe, jawohl, alle reichen Säcke erzählen dieses Märchen, aber ich mein das anders, er hatte so was unverdorbenes an sich, das tut richtig gut, und deshalb hab ich ihm den Arzt bezahlt.
Burma: Und der Arzt hat der sich nicht gewundert.
Baurenot: Ein guter Freund von mir, hat gedacht ich wäre besonders barmherzig, wenn ich einem Lumpensammler helfe, es war keine.
Burma: Sondern Erinnerung an die Vergangenheit, egal was aus uns noch wird, so ganz löst man sich nie davon.
Baurenot: Die Vergangenheit ist vergangen, meine Vergangenheit ist mir scheißegal.
Jean: Scheiße, hast du die Zeitung gelesen.
Burma: Der Mann sah mich an und blieb wie angewurzelt stehen, eckiges Kinn, elegant gekleidet, Brille mit Goldrand, dunkle Augen, gehetzter Blick, er schien krank, blaß in den Knien.
Baurenot: Hey Burma, kennst du Delond nicht mehr.
Burma: Ich hab ihn nur unter Jean gekannt, ich glaube jetzt würde ich langsam sämtliche Vegetalier wiedererkennen.
Jean: Natürlich, hätte dich kaum wiedererkannt, du warst damals ein ganz kleiner scheißer, unseren Älteren gebührt Respekt, um ein haar hätte man mir nicht aufgemacht, die streiken also tatsächlich, scheint wohl die Zeit zu sein, was hast du, bist du krank, du siehst, irgendwas ist mir schlecht bekommen, die Austern glaub ich.
Burma: Wir tranken Champagner, redeten über die alte Zeiten, über ehemaligen Genossen aus dem Vegetalierheim, ich ließ so richtig Dampf ab und schimpfte auf den grasfressenden Barbardu und das Arschloch von Lacore, Delong wurde immer blaßer. Was ist denn mit dir los.
Baurenot: Vorurteile, sich weiterentwicklen na gut, auch ruhig sein Mäntelchen nach dem Wind hängen, was ist daran schlimmes, aber Jean meint, das mit Lacorre das war ein starkes Stück.
Burma: Hat er den Geldboten überfallen.
Baurenot: Nein, besser, oder schlechter, wir habens aus der Zeitung erfahren, er hat vor etwa 20 Jahren seine Freundin umgebracht, weil sie ihn betrogen hat hier.
Burma: Apropos vor 20 Jahren und Geldbote, vielleicht erzählt ihr mir mal was über das Geheimnis des tolbiac, ihr habt doch den Geldboten der Kühlfirma um die Ecke gebracht, stimmts.
Baurenot: Du jetzt reichts aber.
Burma: Ich zitier aus der Zeitung von heute, auch die Polizeispitzel des Milieus waren für Inspektor Ballard keine Hilfe, entweder Einzelgänger oder Anarchisten, schätze ich, Anarchisten waren keine typischen Gangster, sie waren auch keine Verräter, intelligente Verbrecher.
Baurenot: Intelligente Verbrecher, wenn ich das schon höre.
Burma: Das hast du damals selbst gepredigt, im Vegetalierheim, weiter, ich will euch sagen wie ihr es gemacht hat, Lenantais und ihr zwei, bequatscht den Angestellten der Kühlfirma, das Geld, das er mit sich rumschleppt, unter euch aufzuteilen, der Geldbote soll untertauchen, taucht aber nach einiger Zeit wieder auf, als ihr das Geld schon unter euch beiden verschachert habt, ich möchte nicht weiter ins Detail gehen.
Baurenot: Aha, ist aber schade.
Burma: Ihr seid Charakterschwein, im Gegensatz zu Albert Lenantais, er hat euch vertraut und mir auch, denn ich sollte euch warnen, verdammt noch mal ich soll euch nicht die Leviten lesen ist mir scheißegal was ihr gemacht habt, aber eins sag ich euch, ich werde Alberts Mörder finden, auch wenn ihr mir nicht helft.
Baurenot: Wir können dir leider nicht helfen, weil wir nichts damit zutun haben, glaubst du wenigstes selbst an deine Geschichte.
Burma: Nicht unbedingt, ist so ne Art Diskusionsgrundlage.
Baurenot: Dann ist die Diskussion wohl beendet.
Burma: Ein paar Minuten später saß ich in einem Bistro an der Avenue Decobe und spülte mir den Champagnergeschmack aus dem Mund, dann rief ich in meiner Wohnung an, es hob niemand ab, verdammt, Lenantais, der pont de tolbiac, diese Anarchos, war mir scheißegal, ich mußte mich verwählt haben, aber es nahm immer noch niemand ab, ich rannte aus dem Bistro und nahm mir ein Taxi.
Burma: Belita, Belita.
Burma: Auf dem Bett lag ein Zettel. Es ist besser, wenn ich gehe.
Belita: Es ist besser, wenn ich gehe, Salvator hat bewiesen wozu er fähig ist, wenn ich bei dir bleibe, wird er dich töten, ich will nicht, daß er dich tötet.
Burma: Ich lief durch die Stadt auf der Suche nach Belita, und ein bißchen Ruhe in meiner Brust, ich ging über den pont national über die breite Steintreppe, stand plötzlich wieder auf der Kreuzung cantagrel watt scherale, die Gebäude der Heilsarmee erinnerten mich wieder an Belita, hatte sie nicht von Lenantais Geschäftsbeziehung mit der Heilsarmee gesprochen, dieses Viertel geht aufs Gemüt, und ich rief meinen Freund Marc Covet an, um mich in Gesellschaft zu besaufen.
Covet: Nestor Burma hat Kummer, schlimm.
Burma: Ja sieht so aus.
Covet: Komm spucks aus, worum gehts, ne Frau.
Burma: Auch und vor allem das Gefühl, daß ich nahe dran bin, aber keine Idee, ich brauch sie doppelt, einmal so, und als Muse.
Covet: Wie verstehe ich denn das.
Burma: Belita hat was gesagt von Lenantais und der Heilsarmee, jetzt ist sie weg, ich find sie nicht mehr, weiß sowieso nicht weiter, was soll ich mit der Heilsarmee.
Covet: Vielleicht einen alten Anarchisten, bei ihnen untergeschlüpft ist, das machen solche Kerle öfter, wenn sie rauskommen.
Burma: Bleib sitzen, und sauf eine auf meine kosten.
Covet: Ja mach ich.
Mann: gott ist mit dir.
Burma: Mag schon sein aber ich bin Schriftsteller, und bereite ein Buch vor über Bagno-Sträflinge, die wieder Fuß gefaßt haben nach ihrer Entlassung, und da ich weiß, daß die Heilsarmee sich derer annimmt, ist meine Frage, ob sie mir nicht Gesprächspartner aus ihren Reihen empfehlen, falls sie überhaupt solche kennen.
Mann: Ja nun einige niedere Ränge haben schwere Stunden durchgemacht, vorsichtig ausgedrückt, aber sie haben Glück, vor kurzen ist einer aus der Provinz hergekommen, er wird sich bestimmt mit Vergnügen für ihre Dokumentation zur Verfügung stellen, Yves Lacorre ist sehr hilfsbereit.
Burma: Yves Lacorre, Yves Lacorre, im Archiv des Crepuscule las ich den Fall des verschwundenen Geldboten nach, das Geheimnis des pont tolbiac, so bliesen die Journalisten den Fall damals auf, dann machte ich mich nochmal auf zur Heilsarmee, Lacorre war da gewesen, aber mit einem Besucher wieder weggegangen, sagte mir das Engelsgesicht von vorhin, ich lief wieder durch die lausigen Straßen des verlotterten Viertels, ein Wind blies durch die skelettartigen Bäume im Vorgarten der Entbindungsklinik, nicht gerade angenehm bei dieser düsteren Musik, was suchte ich eigentlich, Belita, Belita, cherie, siehst du wie du mir bei meiner Suche nach Lenantais Mörder behilflich bist, jetzt hab ich ihn, wieder ein Windstoß, sowas wie ein kleines Rad kam auf mich zugerollt, eine Uniformmütze der Heilsarmee, halleluja ich ging zurück, plustete mich nochmal auf, und bekam prompt Lacorres Sachen zu sehen, unter anderem einen Umschlag mit der Aufschrift für den Bezirkskommissar.
Lacorre: Kommissar, ich heiße Yves Lacorre, vor zwanzig Jahren habe ich mit zwei Komplizen die ich von den Anarchisten kannte, Camille Bernis und Jean genannt der Aufständische den Geldboten der Kühlbetriebe Monsieur Daniel in einen Hinterhalt gelockt, wir haben ihn im Keller seines eigenen Hauses vergraben, Bernis und Jean haben mich hintergangen, ich werde ihnen den Hals umdrehen oder sie mir, im zweiten Fall werden sie Kommissar diesen Brief lesen und dem Gesetz genüge tun, PS, um Lenantais brauchen sie nicht mehr zu kümmern, ich habe ihn zufällig wieder getroffen, er verkaufte alte Möbel und nannte sich Benoit, ich wollte von ihm wissen, wo ich Bernis und Jean finden kann, wir haben uns gestritten und ich habe ihn niedergestochen, damit habe ich der Gesellschaft einen Dienst erwiesen, denn er war ein Dogmatiker, also sehr viel gefährlicher als gewisse andere.
Burma: Ich faltete den Brief und wollte ihn in die Tasche stecken.
Mann: Das bekommt die polizei Monsieur.
Burma: Und dann stand ich auf der Straße, in der rue bruneseau, ich wußte selber nicht wie ich dahingekommen war, was ich da wollte, aber dann sprang ich über die Gartenmauer, ging die Kellertreppe hinunter, knackte das Vorhängeschloß, und riß ein Streichholz an, ob unter dem Boden tatsächlich eine Leiche lag konnte ich nicht sagen, darauf lag eine, in Heilsarmeeuniform, erschossen, Lacorre.
Covet: Es war eine verdammt lange Dienstreise, und jetzt eine Story aber fix, also hast du Lacorre gefunden.
Burma: Ja kannst dir anschauen, in einer dreckigen Baracke in der rue bruneseau, im Keller eingegraben liegt ein Geldbote seit 20 Jahren, darauf ruht Lacorre, erschossen, nettes Bild, exlusiv für dich.
Covet: Wer wars.
Burma: Baurenot oder Delong oder beide, ich dachte an Lenantais, er hatte Lacorre nicht verraten, wo er die beiden finden konnte, hätte er es getan, würde er noch leben, er war abgestochen worden für zwei abtrünnige Exgenossen, die ihn belogen und betrogen hatten.
Covet: Willst du immer noch den Willen von Lenantais erfüllen, willst du immer noch den Freunden helfen.
Burma: Baurenot traf ich am Austerlitz, reden wir, aber nicht so nah am Wasser.
Baurenot: Was willst du, ist ja alles bloß deine Schuld.
Burma: Was, der Mord an Lacorre.
Baurenot: Du weißt also bescheid du Schwein.
Burma: So ungefähr.
Baurenot: Delong hat den Kopf verloren.
Burma: Das finde ich überhaupt nicht, immerhin hat er geahnt, wo man einen ehemaligen Banjosträfling finden kann, wußte auch wo sich Lenantais rumgetrieben hatte, wo er überfallen wurde.
Baurenot: Da kann er ziemlich intelligent sein, schluß mit den gequatsche, wo sind die flics, du hast sie doch mitgebracht.
Burma: Sollen gleich hier sein, Lacorre hat es hinterlassen, ich bin gekommen um dir ne Chance zu geben, deine letzte, verschwinde, bei dir sowieso alles im Arsch.
Burma: Die flics machten den Rest und schnappten sich die beiden wohlanständigen Stützen der Gesellschaft, aber ich war noch nicht fertig mit dem 13. Arrondissement, ich machte mich auf die Suche nach Belita, wieder ging ich durch die Straßen die Belita und mich zusammen gesehen hatten, und eines nachmittags als ich mich in der Nähe des pont de tolbiac herumtrieb sah ich sie, sie kam direkt auf mich zu, es war ihr federnder Gang, der rote Rock, der gelbe Gürtel, die wiegende Hüften, die ungebändigte schwarze Haarpracht, die stolze Brust, sie lief auf mich zu, sank mir in die Arme, klammerte sich an mich, ich küßte sie, ihre Augen verloren ihren Glanz, mit einer Hand steichelte ich ihr über den Rücken, ich schaute über ihre Schultern hin weg, mitten auf der rue illustrela stand Salvador, die Hände in den Taschen seiner Jacke, er lachte.
Christian Brückner Nestor Burma
Sabine Postel Hélène, seine Sekretärin
Dieter Eppler Kommissar Florimond Faroux
Jürgen Andreas Inspektor Fabre
Manuela Romberg Bélita
Andreas Mannkopff Marc Covet
Karl Michael Vogler Baurénot, Ex-Anarchist
Joachim Bartels
Manfred Boehm
Ernst Konarek
Wolfgang Reinsch
Margarete Salbach
Willi Schneider
Andreas Szerda
Iris Werlin
Bearbeitung (Wort): Klaus Schmitz
Regie: Bernd Lau
25.05.2026, 07:21 Uhr |
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